Wer Industrial AI will, muss Bildung neu denken
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Deutschland braucht nicht nur bessere Schulen und Hochschulen – Deutschland braucht ein neues Bildungsökosystem. Denn die Herausforderungen des KI-Zeitalters lassen sich weder von Staat noch von Wirtschaft allein bewältigen. Ein Aufruf zum Schulterschluss.
Oliver Hermes ist President & Global CEO der Wilo Group, Vorsitzender des Kuratoriums der Wilo-Foundation, Honorarkonsul der Republik Kasachstan in Nordrhein-Westfalen, Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Familienunternehmen, Mitglied des Kuratoriums des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, Stellvertretender Vorsitzender des Nah- und Mittelost-Verein (NUMOV), Mitglied des Vorstands der Subsahara-Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft (SAFRI) sowie Repräsentant der Wilo Group im Germany-UAE Business Council. Er ist Essayist mit Beiträgen, die in externen Medien publiziert werden, sowie Initiator der Wilo Global WATER AI Academy. Der Autor gibt seine eigene Meinung wieder.
In diesen Wochen füllen sich die Hörsäle deutscher Hochschulen wieder mit jungen Menschen. Sie kommen mit Erwartungen, Ambitionen und Ideen. Sie sind neugierig, motiviert und wollen gestalten. Für Deutschland sind sie weit mehr als Studierende: Sie sind unser Humankapital – und damit eine der wichtigsten Ressourcen unseres Landes.
Doch gerade beim Blick auf diese junge Generation stellt sich eine unbequeme Frage: Ist unser Bildungssystem tatsächlich auf ihre Zukunft vorbereitet? Die Antwort fällt differenziert aus. Denn Deutschland verfügt über eine leistungsfähige Bildungslandschaft, hervorragende Hochschulen und international anerkannte Forschungsinstitutionen. Gleichzeitig zeigen sich an vielen Stellen strukturelle Defizite. Und diese betreffen längst nicht mehr nur die Schule.
Der PISA-Schock 2.0
Nur der Anfang der Bildungsdebatte
Bildung ist in Deutschland spätestens seit dem ersten PISA-Schock ein politisches Dauerthema. Und die jüngsten PISA-Ergebnisse geben Deutschland erneut Anlass zur Sorge. Sie zeigen einen historischen Tiefstand: In Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften erreichen die 15-Jährigen die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der PISA-Erhebungen. Rund ein Drittel verfügt in Mathematik und Lesen nicht über das Mindestniveau. Das ist alarmierend.
Denn wer nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen kann, hat es schwerer, sich Wissen anzueignen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und eigenständig Probleme zu lösen. Basiskompetenzen sind damit nicht nur eine pädagogische Frage. Sie sind eine Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Doch damit endet die Bildungsfrage nicht. Sie beginnt gewissermaßen nach der Schule erneut – im Hörsaal.
„Doch gerade beim Blick auf diese junge Generation stellt sich eine unbequeme Frage: Ist unser Bildungssystem tatsächlich auf ihre Zukunft vorbereitet?”
1. Dem Bildungssystem fehlt der Realitätsbezug
Wer heute einen Hörsaal betritt, trifft auf eine Generation, die in einer völlig anderen Welt aufwächst als frühere Generationen. Kriege, Klimawandel, Energieversorgung, Inflation und geopolitische Spannungen prägen das Lebensgefühl junger Menschen. Die SINUS-Jugendstudie 2024 zeigt, dass Jugendliche aufgrund der Vielzahl sich überlagernder Krisen besorgter sind denn je. Gleichzeitig ist der Übergang ins Berufs- und Erwachsenenleben für viele aufgrund der gesellschaftlichen Unsicherheiten mit Sorgen verbunden.
Hinzu kommt die KI-Transformation. Bei Jugendlichen wächst das Bewusstsein dafür, dass künstliche Intelligenz auch die eigene berufliche Zukunft verändern kann: Laut einer weiteren SINUS-Befragung aus 2024 sahen 22 Prozent der 14- bis 17-Jährigen ihre beruflichen Pläne durch KI gefährdet – fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Das ist die Lebenswelt, in die unser Bildungssystem junge Menschen entlässt.
Hier liegt das erste Problem: Bildung wird noch zu selten mit den konkreten Fragen und Problemen verbunden, die junge Menschen tatsächlich beschäftigen. Warum lernen sie nicht „näher“ an den großen Herausforderungen unserer Zeit? Warum werden Klimawandel, Wasserknappheit, Energieversorgung, Digitalisierung oder künstliche Intelligenz nicht noch konsequenter zu Gegenständen interdisziplinären Lernens?
2. Theorie ohne Praxis verliert den Anschluss
Damit sind wir beim zweiten Problem: dem Verhältnis von Bildung und Arbeitswelt. Deutschland hat mit der dualen Berufsausbildung eine weltweit beachtete Institution geschaffen. Dennoch bleibt der Praxisbezug auch in der akademischen Bildung eine Herausforderung.
Die „Studierendenbefragung in Deutschland“ zeigt: Nur 39 Prozent der Studierenden bewerten ihren Studiengang als stark durch einen engen Praxisbezug charakterisiert. Rund ein Drittel berichtet umgekehrt, dass der Praxisbezug nur wenig oder gar nicht vorhanden ist. Bei der Förderung berufspraktischer Fähigkeiten sehen ebenfalls nur 36 Prozent eine starke Ausprägung.
Das ist bemerkenswert. Denn die jungen Menschen, die heute studieren, werden morgen nicht in einer abstrakten Bildungswelt arbeiten. Sie werden Maschinen entwickeln,Software programmieren, Gebäude planen, Wasserinfrastrukturen betreiben, Unternehmen führen oder Medikamente erforschen.
Bildung und Arbeitswelt dürfen deshalb keine Parallelwelten sein. Praxisbezug bedeutet dabei nicht, Wissenschaft durch Ausbildung zu ersetzen. Im Gegenteil: Die Stärke liegt gerade in der Verbindung von wissenschaftlicher Tiefe und praktischer Anwendung. Duale Studiengänge zeigen, dass diese Verbindung funktionieren kann. Sie kombinieren akademische Qualifikation mit praktischer Erfahrung und schaffen dadurch eine Brücke zwischen Hochschule und Unternehmen.
3. Die KI wartet nicht auf den Lehrplan
Noch gravierender ist die Geschwindigkeit des technologischen Wandels. Die künstliche Intelligenz entwickelt sich nicht im Takt von Legislaturperioden, Akkreditierungsverfahren oder der Überarbeitung von Studienordnungen.
Während Studierende KI längst nutzen, befinden sich viele Hochschulen noch in der Phase, institutionelle Antworten zu entwickeln. Laut KI-Monitor 2025 des Hochschulforums Digitalisierung hatten erst 15 Prozent der befragten Hochschulen eine eigene KI-Strategie verabschiedet; weitere 50 Prozent befanden sich im Entwicklungsprozess. 97 Prozent beschäftigten sich mit den Auswirkungen von KI auf Prüfungen, aber nur 43 Prozent hatten ihre Prüfungsordnungen entsprechend angepasst.
Das ist kein Vorwurf an einzelne Hochschulen. Es ist ein Hinweis auf ein strukturelles Problem: Technologie verändert sich exponentiell, Institutionen verändern sich häufig inkrementell. Genau darin liegt die Gefahr. Wenn KI innerhalb weniger Jahre ganze Berufsbilder, Geschäftsmodelle und Arbeitsprozesse verändert, kann ein Bildungssystem, das sich nur langsam anpasst, seine Anschlussfähigkeit verlieren.
Dabei geht es nicht darum, jungen Menschen möglichst viele KI-Tools beizubringen. Es geht um mehr: um Datenkompetenz, kritisches Denken, wissenschaftliche Urteilskraft, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Fähigkeit, KI verantwortungsvoll einzusetzen.
4. Das Silo ist der natürliche Feind der Bildungsbiografie
Deutschland verfügt nicht über ein Bildungssystem, sondern über viele miteinander verbundene, aber institutionell getrennte Systeme. Schulen, berufliche Bildung, Hochschulen, Unternehmen, Forschung folgen unterschiedlichen Logiken und Zuständigkeiten. Diese Struktur ist historisch gewachsen. Und sie hat Vorteile. Spezialisierung schafft Qualität. Doch dort, wo Systeme aneinandergrenzen, entstehen Reibungsverluste.
Besonders deutlich wird dies beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung. Das sogenannte Übergangssystem besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen und Programme, die institutionell und rechtlich unterschiedlich organisiert sind. Für die Institutionen mag diese Differenzierung nachvollziehbar sein. Für einen 19-Jährigen ist sie es nicht immer.
Das Generationenproblem hinter dem Bildungsproblem
Hinter diesen vier Entwicklungen steht deshalb ein größeres Problem. Es geht um die Frage, für wen wir unser Bildungssystem eigentlich gestalten. Bildung ist eine Investition mit einem außergewöhnlich langen Zeithorizont. Ein heute geborenes Kind wird 2106 seinen 80. Geburtstag feiern. Politische Entscheidungsprozesse funktionieren dagegen häufig in wesentlich kürzeren Zeiträumen.
Hinzu kommt eine demografische Verschiebung. Bei der Bundestagswahl 2025 waren 42,1 Prozent der Wahlberechtigten 60 Jahre oder älter; allein die Gruppe der Über-70-Jährigen stellte 23,2 Prozent. Die 18- bis 29-Jährigen kamen zusammen auf 13,3 Prozent. Auch der Deutsche Bundestag selbst ist altersmäßig deutlich von den mittleren und höheren Jahrgängen geprägt: Das Durchschnittsalter der Abgeordneten des 21. Bundestages liegt bei 47,1 Jahren; nur 32 der 630 Abgeordneten sind jünger als 30.
Daraus sollte man nicht den pauschalen Schluss ziehen, ältere Politikerinnen und Politiker würden sich nicht für junge Menschen interessieren. Ein solcher Vorwurf wäre der Komplexität des Problems unangemessen. Aber ein strukturelles Spannungsfeld ist offensichtlich: Die Generation, die am längsten mit den Folgen heutiger Bildungsentscheidungen leben wird, verfügt aufgrund ihrer demografischen Größe und ihrer institutionellen Repräsentation nicht über ausreichenden Einfluss auf diese Entscheidungen.
Basiskompetenzen: Ja. Bildungsreform: Ebenfalls ja.
Was folgt daraus? Zunächst müssen wir dort ansetzen, wo die PISA-Debatte zu Recht ansetzt: bei den Basiskompetenzen. Lesen, Schreiben und Mathematik sind nicht altmodisch. Sie sind das Betriebssystem jeder weiterführenden Bildung.
Die Bertelsmann Stiftung hat 2025 gemeinsam mit dem ifo-Institut modelliert, welche volkswirtschaftlichen Effekte die von drei Landesbildungsministerinnen formulierten Bildungsziele 2035 hätten. Dazu gehört unter anderem, die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik verfehlen, um 50 Prozent zu reduzieren. Das Modell kommt auf insgesamt knapp 21 Billionen Euro zusätzliches Bruttoinlandsprodukt im Zeitraum bis 2105. Die Botschaft: Bildungspolitik ist Wirtschaftspolitik.
Daraus darf nicht folgen, dass wir Bildung ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachten. Wir brauchen beides: ein solides Fundament aus Basiskompetenzen und eine Bildungsarchitektur, die junge Menschen auf eine Welt vorbereitet, die sich schneller verändert als je zuvor. Die Schulbildung muss reformiert werden. Die nachschulische Bildung aber ebenfalls.
Bildung braucht einen neuen Schulterschluss
Der Staat kann diese Aufgabe nicht allein bewältigen. Er muss zwar verlässliche Rahmenbedingungen setzen, Qualität sichern, Bildungschancen gewährleisten und langfristige Ziele definieren. Aber der Staat muss nicht jede Innovation selbst entwickeln.
Hier kommt die Privatwirtschaft ins Spiel. Unternehmen sind nicht nur Abnehmer von Humankapital. Sie sind selbst Teil des Bildungsökosystems. Sie kennen die Veränderungen von Technologien, Märkten und Berufsbildern aus erster Hand. Sie verfügen über reale Anwendungsfälle, internationale Netzwerke, Forschungskooperationen und die Möglichkeit, jungen Menschen frühzeitig Zugang zu Zukunftstechnologien zu eröffnen. Deshalb braucht Deutschland eine neue gemeinsame Anstrengung von Public und Private: Staat und Wirtschaft, Hochschule und Unternehmen, Theorie und Praxis.
Von der Bildungsinstitution zum Bildungsökosystem
Was könnte eine solche neue Bildungsarchitektur leisten? Sie würde junge Menschen nicht erst nach ihrem Abschluss mit den Technologien der Zukunft konfrontieren, sondern ermöglichen, bereits während ihrer Ausbildung und ihres Studiums an realen Problemen zu arbeiten. Sie würde Wissen nicht nur vermitteln, sondern anwenden. Sie würde KI nicht primär als Störung klassischer Lehrformate verstehen, sondern als Werkzeug für neue Formen des Lernens und Forschens. Sie würde Unternehmen nicht nur als spätere Arbeitgeber betrachten, sondern als Partner in der Kompetenzentwicklung.
Und sie würde Grenzen überwinden: zwischen Disziplinen, Institutionen und Ländern. Denn globale Anschlussfähigkeit wird zum entscheidenden Faktor. Wasser kennt keine nationalen Grenzen. Energie kennt keine nationalen Grenzen. KI kennt keine nationalen Grenzen. Auch Wissen kennt keine nationalen Grenzen.
Wer junge Menschen für diese Welt qualifizieren will, muss Bildungsangebote schaffen, die international vernetzt, technologisch offen und zugleich an realen gesellschaftlichen Herausforderungen orientiert sind. Genau hier können privatwirtschaftlich initiierte Bildungsplattformen eine wichtige Ergänzung leisten: Sie können Schule, Hochschule, Forschung und Industrie über konkrete Zukunftsthemen miteinander verbinden, internationale Expertise bündeln und jungen Menschen Zugang zu realen Use Cases ermöglichen.
Das ist kein Ersatz für das öffentliche Bildungssystem, sondern dessen notwendige Ergänzung.
Vom PISA-Schock zum Industrial AI Champion
Deutschland hat nach dem PISA-Schock Reformen eingeleitet. Die aktuelle Situation zeigt jedoch, dass ein einmaliger Reformimpuls nicht reicht. Wir brauchen eine Kultur kontinuierlicher Bildungsinnovation. Denn die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr nur: Können unsere Schülerinnen und Schüler lesen, schreiben und rechnen? Zusätzlich sollten wir uns fragen: Können junge Menschen mit den Technologien umgehen, die ihre Welt verändern? Können sie KI kritisch beurteilen? Können sie wissenschaftliche Erkenntnisse in praktische Lösungen übersetzen? Können sie interdisziplinär arbeiten? Können sie reale Probleme erkennen und gemeinsam lösen? Können sie sich in einer globalen Arbeitswelt behaupten? Und können sie aus Technologie gesellschaftlichen Fortschritt machen?
Das sind die Fragen, an denen sich die nachschulische Bildung messen lassen muss.
Und ihre Antworten sind insbesondere für Deutschland entscheidend. Denn Deutschland verfügt über eine industrielle Basis, um die uns viele Länder beneiden: Maschinenbau, Automatisierung, Elektrotechnik, Robotik, Energie-, Wasser- und Gebäudetechnik, Sensorik und industrielle Produktion. Die entscheidende Frage wird sein, ob wir dieses industrielle Wissen mit künstlicher Intelligenz verbinden können.
Deutschland muss nicht versuchen, das Silicon Valley zu kopieren. Die Chance liegt vielmehr darin, die Stärke unserer industriellen Domänen mit den Möglichkeiten der KI zu verbinden. Dafür brauchen wir nicht nur Kapital und Technologie. Wir brauchen vor allem Menschen, die beides miteinander verbinden können.
Nach den jüngsten PISA-Ergebnissen das schulische Bildungssystem zu überarbeiten, ist deshalb richtig. Aber für den Wirtschafts- und Industriestandort Deutschland reicht das nicht. Wir müssen auch die nachschulische Bildung in den Blick nehmen: ihre Praxisnähe, ihre technologische Anschlussfähigkeit, ihre internationale Vernetzung und ihre Fähigkeit, junge Menschen auf eine Welt permanenter Veränderung vorzubereiten.
Jungen Menschen, die heute zum ersten Mal einen Hörsaal betreten, sind nicht das Problem unseres Bildungssystems. Sie sind seine größte Zukunftschance. Wir brauchen ein Bildungssystem, das junge Menschen nicht auf die Welt von gestern vorbereitet, sondern sie befähigt, die Welt von morgen zu gestalten.
Quellen: OECD, SINUS-Institut, DZHW, Hochschulforum Digitalisierung, DESTATIS, Deutscher Bundestag, Bertelsmann Stiftung/ifo-Institut