19.10.2026 CEO Standpunkt

Europas Wohlstandsversprechen wankt!

Frankreich und Deutschland zwischen wirtschaftlichem Umbruch, politischer Entfremdung – und industriellem Aufbruch. Es kommt nun mehr denn je auf die junge und mittlere Generation an, ein neues europäisches Zeitalter zu gestalten. Ein Essay.

Oliver Hermes hat in Frankreich studiert und führt seit zwei Jahrzehnten einen globalen Konzern mit starken französischen und deutschen Wertschöpfungsketten. Für sein Engagement wurde er von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit dem französischen Ordre national du Mérite ausgezeichnet. Seine Perspektive verbindet langjährige internationale Industrie- und Führungserfahrung mit einer besonderen Vertrautheit mit beiden Ländern. Der Autor gibt seine eigene Meinung wieder.

Oliver Hermes vor einer Frankreich, Europa und Deutschland Flagge

„Frankreich und Deutschland stehen vor einer tiefgreifenden wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Transformation”

Oliver Hermes, President & Global CEO der Wilo Group

Frankreich und Deutschland stehen vor einer tiefgreifenden wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Transformation. Während Frankreich mit hoher Staatsverschuldung, politischer Fragmentierung und gesellschaftlichen Verteilungskonflikten ringt, steht Deutschland vor einer strukturellen Herausforderung seines industriellen Erfolgsmodells.

Beide Länder verbindet eine grundsätzlichere Entwicklung: Die etablierten politischen Parteien verlieren an Bindungskraft, während insbesondere Teile der jungen und mittleren Generation ihre wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven zunehmend infrage stellen. Europa braucht ein neues wirtschaftliches und gesellschaftliches Zukunftsversprechen, das Wohlstand, technologische Wettbewerbsfähigkeit und individuelle Aufstiegschancen verbindet.

1. Frankreich: Ein Gesellschaftsmodell unter Druck

Frankreichs politisches Selbstverständnis beruht traditionell auf einem starken Staat, umfassender sozialer Absicherung und der Überzeugung, dass politische Führung gesellschaftlichen Fortschritt gestalten kann. Dieses Modell gerät zunehmend unter Druck.

Emmanuel Macron trat 2017 mit dem Anspruch an, die Gegensätze zwischen Links und Rechts zu überwinden, Frankreich wirtschaftlich zu modernisieren und Europa politisch zu stärken. Heute ist die politische Landschaft jedoch stark fragmentiert. Die traditionellen Sozialisten und die klassische bürgerliche Rechte haben erheblich an Bedeutung verloren. Drei Lager prägen die Auseinandersetzung: die nationalistische Rechte um den Rassemblement national, die politische Mitte und ein heterogenes linkes Spektrum.

Mit einer Staatsverschuldung von rund 116 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Ende 2025 muss Frankreich seine öffentlichen Finanzen stabilisieren, während die Anforderungen an Verteidigung, Bildung, Infrastruktur und soziale Sicherung wachsen. Die Konflikte um Rentenreformen und staatliche Leistungen zeigen den Zielkonflikt zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und fiskalischer Tragfähigkeit.

Frankreich steht damit vor einer doppelten Aufgabe: Es muss seine Staatsfinanzen stabilisieren und zugleich das Vertrauen in die Reformfähigkeit seiner politischen Institutionen stärken.

2. Deutschland: Das industrielle Erfolgsmodell am Wendepunkt

Das deutsche Wirtschaftsmodell beruhte über Jahrzehnte auf international wettbewerbsfähiger Industrie, starker Exportwirtschaft, spezialisierten mittelständischen Unternehmen, relativ günstiger Energie und offenen Weltmärkten. Mehrere dieser Voraussetzungen haben sich grundlegend verändert.

China ist längst nicht mehr nur Absatzmarkt, sondern ein leistungsfähiger technologischer Wettbewerber. Die USA verfolgen eine stärker interessengeleitete Handels- und Industriepolitik. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Dekarbonisierung verändern Wertschöpfungsketten. Hinzu kommen hohe Standortkosten, Bürokratie, langsame Genehmigungen, Fachkräftemangel sowie Defizite bei Infrastruktur und Digitalisierung.

Deutschland verfügt weiterhin über ein breites industrielles Fundament, erfolgreiche Familienunternehmen und tiefe ingenieurwissenschaftliche Kompetenz. Entscheidend ist, ob es gelingt, diese Stärken mit neuen Technologien zu verbinden und daraus zusätzliche Produktivität und Wertschöpfung zu entwickeln.

Während Frankreich die Finanzierbarkeit seines Staatsmodells sichern muss, steht Deutschland vor der Aufgabe, die Zukunftsfähigkeit seines Industriemodells zu erneuern.

3. Der Vertrauensverlust der politischen Mitte und die Entfremdung der jungen Generation

In beiden Ländern verlieren etablierte Parteien an Bindungskraft. In Deutschland mobilisieren insbesondere die AfD und Die Linke Teile der Wählerschaft, die sich von den traditionellen Regierungsparteien abwenden. In Frankreich erhalten das linke Lager um Jean-Luc Mélenchon und die nationalistische Rechte um Marine Le Pen Zuspruch.

Bei der Bundestagswahl 2025 wurde Die Linke mit rund 27 Prozent stärkste Partei unter den 18- bis 24-Jährigen. Die AfD erreichte bei den 25- bis 34-Jährigen rund 21 Prozent und bei den 35- bis 44-Jährigen rund 27 Prozent; in beiden Altersgruppen lag sie vorn. Bundesweite Umfragen aus 2026 deuten ebenfalls auf veränderte Kräfteverhältnisse hin, sind jedoch Momentaufnahmen.

Die Entwicklung ist kein einheitlicher Rechts- oder Linksruck. Die AfD und Die Linke unterscheiden sich grundlegend in ihren Positionen und ihrer verfassungsschutzrechtlichen Einordnung. Gemeinsam zeigen ihre Ergebnisse, dass sich politische Bindungen an die traditionelle Regierungsmitte verändern.

Viele Menschen zwischen 18 und 45 Jahren erleben hohe Wohnkosten, erschwerte Eigentumsbildung, unsichere Rentenperspektiven und steigende langfristige Belastungen. Daraus kann der Eindruck entstehen, dass etablierte Parteien bestehende Besitzstände stärker absichern als künftige Aufstiegsmöglichkeiten.

Bei der Bundestagswahl 2025 waren rund 43 Prozent der Wahlberechtigten mindestens 60 Jahre alt, während die unter 30-Jährigen nur rund 13 Prozent stellten. Diese demografische Asymmetrie bedeutet keinen zwangsläufigen Interessengegensatz, macht aber den politischen Ausgleich zwischen den Generationen anspruchsvoller.

Die zentrale Herausforderung ist, dass ein Teil der jungen und mittleren Generation nicht mehr selbstverständlich davon überzeugt ist, durch Leistung und gesellschaftliche Teilhabe einen höheren Lebensstandard erreichen zu können.

4. Wenn politische Polarisierung zum Wirtschaftsrisiko wird

Unternehmen benötigen verlässliche Rahmenbedingungen für langfristige Investitionen. Politische Fragmentierung kann Planung erschweren, wenn stabile Mehrheiten fehlen oder zentrale Fragen der Steuer-, Energie-, Arbeitsmarkt- und Handelspolitik zunehmend umstritten sind.

In Frankreich betrifft dies vor allem die Haushalts- und Sozialpolitik, in Deutschland die industrielle Wettbewerbsfähigkeit und die Investitionsbedingungen. Politischer Pluralismus ist nicht an sich ein wirtschaftlicher Nachteil. Entscheidend ist, ob demokratische Institutionen aus unterschiedlichen Interessen tragfähige Entscheidungen entwickeln können.

5. Europa im geopolitischen Kräftewandel

Frankreich und Deutschland sind zentrale wirtschaftliche und politische Akteure der Europäischen Union. Frankreich bringt außen- und sicherheitspolitische Kompetenzen, nukleare Abschreckung und seine Vorstellung strategischer Autonomie ein. Deutschland verfügt über industrielle Breite und starke internationale Wertschöpfungsketten.

Beide müssen auf wachsende geopolitische Konkurrenz, die Industriepolitik der USA, Chinas technologische Stärke und den Bedarf an europäischer Verteidigungsfähigkeit, Energiesicherheit und resilienten Lieferketten reagieren.

Die französische Tradition strategischer Industriepolitik und die deutsche industriell geprägte Marktwirtschaft können sich ergänzen. Europäische Zusammenarbeit sollte stärker als gemeinsames Wachstums- und Innovationsprojekt verstanden werden.

6. Frankreichs Aufbruchschance: Technologische Souveränität als Wachstumsmotor

Frankreich verfügt trotz fiskalischer Schwierigkeiten über bedeutende Kompetenzen in Kernenergie, Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Forschung und künstlicher Intelligenz. Die Verbindung technologischer Souveränität mit industrieller Innovation eröffnet eine Chance, das staatszentrierte Gesellschaftsmodell durch unternehmerische Wachstumsdynamik zu ergänzen.

Staatliche Industriepolitik kann strategische Vorhaben koordinieren. Entscheidend ist jedoch, öffentliche Investitionen stärker mit privatem Kapital, innovativen Unternehmen und internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu verbinden. Gerade KI, Energietechnologien, Verteidigung und digitale Infrastruktur bieten Potenziale für neue Wertschöpfung.

Die vergleichsweise CO₂-arme Kernstromerzeugung kann angesichts des steigenden Energiebedarfs von Rechenzentren und KI-Infrastrukturen ein Standortvorteil sein, sofern Versorgungssicherheit, Kosten und Infrastruktur zusammenpassen.

Für junge Menschen müssen daraus konkrete Perspektiven auf qualifizierte Beschäftigung, unternehmerische Selbstständigkeit und sozialen Aufstieg entstehen. Frankreichs Chance besteht darin, die Stärke eines strategisch handelnden Staates mit einer dynamischeren und innovationsorientierten Privatwirtschaft zu verbinden.

Grün auf Schwarz. Wilo Service Techniker im Server Room auf dem Wilopark

7. Deutschlands Aufbruchschance: Industrial AI als neuer Wachstumsmotor

Industrial AI eröffnet Deutschland die Perspektive eines neuen industriellen Wachstumsmodells. Die Kombination aus breiter industrieller Basis, Ingenieurwissen, erfolgreichen Familienunternehmen und tiefem Verständnis physikalischer Prozesse ist ein strategischer Vorteil.

Dieses Domain Knowledge lässt sich nicht ohne Weiteres durch digitale Plattformen oder große Sprachmodelle ersetzen. Deutschland muss nicht das Silicon Valley kopieren. Seine Chance liegt darin, die industrielle Kompetenz mit künstlicher Intelligenz zu verbinden und damit weltweit führende Lösungen zu schaffen.

Die Strategie umfasst drei miteinander verbundene Dimensionen: Embed AI, Enable AI und Embrace AI.

Embed AI – Die intelligentesten Industrieprodukte der Welt entwickeln

Künstliche Intelligenz wird unmittelbar in industrielle Produkte, Maschinen, Anlagen und technische Systeme integriert. So können Produkte ihren Betrieb optimieren, Abweichungen früh erkennen und sich an veränderte Bedingungen anpassen.

Die Verbindung von Ingenieurwissenschaften, industriellen Daten und physikalischem Prozessverständnis ermöglicht neue Produktgenerationen mit höherer Effizienz, zusätzlicher Funktionalität und digitalen Dienstleistungen. Embed AI überführt die deutsche Ingenieurskompetenz in das Zeitalter intelligenter industrieller Systeme.

Enable AI – Die physische Infrastruktur der globalen KI-Revolution ermöglichen

Künstliche Intelligenz ist keine ausschließlich digitale Technologie. Rechenzentren benötigen Energie, Kühlung, Wasser, Pumpen, Ventilatoren, Automatisierung und intelligente Gebäudetechnik. Die Halbleiterindustrie benötigt hochpräzise Fertigungsanlagen, Reinraumtechnik und komplexe Versorgungssysteme.

Gerade in diesen Bereichen verfügen deutsche Industrieunternehmen über erhebliche Kompetenzen. Deutschland kann die globale KI-Revolution mit seinen Technologien nicht nur nutzen, sondern überhaupt erst ermöglichen.

Der Ausbau von Rechenzentren, Halbleiterfabriken und digitaler Infrastruktur erschließt neue Wachstumsmärkte. Enable AI bedeutet, die physische Grundlage der KI-Ökonomie bereitzustellen und daraus Exportchancen, Investitionen und Wertschöpfung zu entwickeln.

Embrace AI – Produktivität steigern und die Arbeitswelt für die junge Generation erneuern

Embrace AI betrifft die konsequente Nutzung künstlicher Intelligenz innerhalb der Unternehmen. Es geht um weit mehr als Automatisierung und Kostensenkung: KI bietet die Chance, industrielle Arbeitswelt, Unternehmenskultur und wirtschaftliche Perspektiven jüngerer Generationen zu erneuern.

Die Industrie muss ihre Produktivität angesichts hoher Kosten, Fachkräftemangels und internationaler Konkurrenz steigern. Zugleich verändern sich Erwartungen an Führung, persönliche Entwicklung, Selbstbestimmung, flexible Arbeitsformen, sinnvolle Tätigkeiten und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

KI kann repetitive und administrative Aufgaben reduzieren, Freiräume für kreative und analytische Arbeit schaffen, Entscheidungen unterstützen und Wissen zugänglicher machen. Diese Vorteile entstehen nicht automatisch: Unternehmen müssen Beschäftigte qualifizieren, Veränderungen transparent gestalten und Mitgestaltung ermöglichen.

Traditionelle Führungsmodelle sollten sich weiterentwickeln. Führungskräfte können stärker befähigen, Verantwortung übertragen und Eigeninitiative fördern. Besonders wertvoll ist die Verbindung des industriellen Erfahrungswissens älterer Beschäftigter mit digitalen Kompetenzen und neuen Perspektiven jüngerer Mitarbeiter.

Produktivitätsfortschritt muss wieder stärker als persönlicher Fortschritt erfahrbar werden. Höhere Produktivität sollte nicht allein in geringeren Kosten münden, sondern auch in besseren Qualifikationen, attraktiven Arbeitsbedingungen, neuen Einkommensperspektiven und beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten.

Junge Menschen sollten nicht lediglich Nutzer neuer Technologien sein, sondern aktive Gestalter der industriellen Transformation. Eine Kultur, die Experimente, unternehmerisches Denken und eigenverantwortliches Handeln fördert, kann Innovationsfähigkeit und individuelle Selbstverwirklichung verbinden.

Die industrielle KI-Revolution besteht nicht allein darin, Maschinen intelligenter und Prozesse effizienter zu machen. Sie besteht auch darin, Menschen zu befähigen, produktiver, kreativer, selbstbestimmter und unternehmerischer zu arbeiten.

Drei Dimensionen – ein neues industrielles Geschäftsmodell

Embed AI schafft intelligentere industrielle Produkte und technologische Differenzierung. Enable AI erschließt globale Märkte für die physische KI-Infrastruktur. Embrace AI stärkt die Produktivität und verbindet technologischen Fortschritt mit attraktiveren Arbeits- und Entwicklungsperspektiven.

Gerade Familienunternehmen mit langfristigen Eigentümerstrukturen und tiefem industriellem Anwendungswissen können neue Geschäftsmodelle entwickeln. Aus Hidden Champions können Industrial-AI-Champions werden.

Dafür benötigt Deutschland wettbewerbsfähige Energiepreise, schnellere Genehmigungen, innovationsfreundliche Regulierung, digitale Infrastruktur, Wachstumskapital sowie moderne Bildung und Weiterbildung. Industrial AI kann zum Kern eines neuen Wachstumsmodells werden, das Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und gesellschaftlichen Wohlstand verbindet.

8. Europas Bewährungsprobe: Ein neues Versprechen an die nächste Generation

Das europäische Nachkriegsmodell beruhte auf dem Versprechen, dass jede Generation ihren Lebensstandard verbessern und gesellschaftlich aufsteigen kann. Dieses Fortschrittsversprechen erscheint heute weniger selbstverständlich. Hohe Wohnkosten, wirtschaftliche Unsicherheit und die Finanzierung einer alternden Gesellschaft verschärfen Verteilungskonflikte.

Frankreich muss Staatsmodernisierung, fiskalische Nachhaltigkeit und industrielle Innovationsfähigkeit verbinden. Deutschland muss technologische Innovation stärker in Produktivitätswachstum, Wertschöpfung und individuelle Aufstiegsmöglichkeiten übersetzen.

Die französischen Kompetenzen in strategischen Technologien und die deutsche industrielle Breite ergänzen sich. Gemeinsame europäische Wertschöpfungsketten in KI, Energie, Automatisierung und kritischer Infrastruktur könnten wirtschaftliche und technologische Handlungsfähigkeit stärken.

Entscheidend ist, dass Fortschritt gesellschaftlich wirksam wird: durch attraktive Beschäftigung, steigende Einkommen, hochwertige Bildung, neue Unternehmen und echte Teilhabe. Politische Polarisierung hat vielfältige Ursachen und lässt sich nicht allein ökonomisch erklären. Eine glaubwürdige Zukunftsperspektive kann jedoch das Vertrauen in demokratische Institutionen unterstützen.

Die eigentliche Krise Europas ist nicht nur eine Krise der Staatsfinanzen, industriellen Wettbewerbsfähigkeit oder politischen Mitte. Es ist auch eine Krise des Vertrauens in die Zukunft.

Ein neuer europäischer Aufbruch wird daran zu messen sein, ob insbesondere die junge und mittlere Generation wieder eine glaubwürdige Perspektive auf Wohlstand, Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Fortschritt erhält.

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